Am 15. Dezember 2020 feierte die Henri Benthack GmbH & Co. KG ihr 90-jähriges Bestehen – ein seltenes Jubiläum in einer Branche, die seit Jahrzehnten von Konsolidierung, Strukturwandel und technologischer Disruption geprägt ist. Während viele regionale Sägewerke und Holzhändler in den vergangenen Dekaden aufgeben mussten oder in größere Konzernstrukturen aufgingen, hat sich der Hamburger Familienbetrieb behauptet. Doch was steckt hinter dieser Beständigkeit – und welche Strategien haben Henri Benthack durch Kriegsjahre, wirtschaftliche Umbrüche und digitale Transformation getragen?
Gründung in der Zwischenkriegszeit: Hamburger Holzhandel zwischen Hafen und Handwerk
Die Henri Benthack GmbH & Co. KG wurde 1930 in Hamburg gegründet – einer Stadt, die traditionell vom Holzhandel geprägt war. Der Hamburger Hafen diente als zentrale Drehscheibe für den Import skandinavischer Hölzer, während das lokale Tischler- und Bauhandwerk eine stetige Nachfrage nach hochwertigem Schnittholz, Furnierholz und später auch Plattenwerkstoffen generierte. In dieser Gemengelage positionierte sich Benthack vermutlich früh als Bindeglied zwischen Importeuren, regionalen Sägewerken und weiterverarbeitenden Betrieben.
Die Gründungsphase fiel in eine wirtschaftlich turbulente Epoche: Die Weltwirtschaftskrise 1929 hatte die deutsche Bauwirtschaft hart getroffen, und bereits wenige Jahre später führte die nationalsozialistische Autarkiepolitik zu massiven Verschiebungen in den Rohstoffströmen. Dass ein Holzhandelsbetrieb unter diesen Bedingungen Fuß fassen konnte, deutet auf eine pragmatische Sortimentsstrategie und enge Kundenbindung hin – zwei Faktoren, die auch heute noch Erfolgsgaranten im B2B-Holzhandel sind.
Nachkriegsjahre und Wiederaufbau: Die goldene Ära des Hamburger Holzhandels
Der Zweite Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit stellten die Holzbranche vor existenzielle Herausforderungen: Zerstörte Infrastruktur, unterbrochene Lieferketten, Materialmangel. Doch gerade der Wiederaufbau der stark zerstörten Hansestädte schuf eine enorme Nachfrage nach Bauholz, Konstruktionsvollholz und Innenausbau-Materialien. Hamburger Holzhändler profitierten in den 1950er und 1960er Jahren von dieser Sondersituation – und vermutlich auch Henri Benthack.
In dieser Phase dürfte sich das Unternehmen breiter aufgestellt haben: Neben klassischem Schnittholz für den Dachstuhl und Fachwerk gewannen Produkte für den Innenausbau an Bedeutung – Profilhölzer, Paneele, später auch erste Span- und Faserplatten. Die Verfügbarkeit skandinavischer Nadelholz-Importe über den Hamburger Hafen verschaffte norddeutschen Händlern einen logistischen Vorteil gegenüber süddeutschen Wettbewerbern, die stärker auf mitteleuropäische Laubhölzer und alpine Fichte angewiesen waren.
Strukturwandel ab den 1980ern: Massivholz vs. Holzwerkstoffe
Ab den 1980er Jahren geriet die traditionelle Holzhandelsstruktur unter Druck. Großflächige Baumärkte und spezialisierte Plattenwerkstoff-Distributoren drängten in den Markt, während gleichzeitig die Nachfrage nach klassischem Massivholz im Innenausbau zugunsten von MDF, Spanplatte und beschichteten Trägerplatten zurückging. Viele mittelständische Holzhändler versuchten, sich durch Diversifikation ins Baustoffgeschäft zu retten – oder wurden von Einkaufsverbünden wie der Fachgemeinschaft Norddeutscher Baustoffhändler (FNB) aufgefangen.
Für einen Traditionshandelsbetrieb wie Henri Benthack bedeutete dies eine strategische Weichenstellung: Bleibt man bei Massivholz und Schnittholz für Handwerk und Objektausbau – oder folgt man dem Trend zu vorkonfektionierten Holzwerkstoffen, die in der industriellen Möbelfertigung dominieren? Unternehmen wie Kronospan und Homag haben diese Verschiebung zu hochautomatisierten Plattenwerkstoffen und Bearbeitungssystemen entscheidend vorangetrieben. Wer als Händler beide Welten bedienen konnte – die klassische Tischlerei ebenso wie den serienproduzierenden Möbelhersteller –, sicherte sich langfristig Marktanteile.
Technologischer Druck: Digitalisierung im Holzhandel
Seit den 2000er Jahren stellt die Digitalisierung des Handels eine weitere Hürde dar. Online-Plattformen wie holz.ch in der Schweiz oder digitale Ausstellerportale wie jenes der Holz Basel zeigen, wie sich Marktplätze und Vertriebsstrukturen im B2B-Holzgeschäft verändern. Wer als regionaler Händler nicht in E-Commerce, ERP-Integration und digitale Lagerverwaltung investiert, verliert Anschluss an professionelle Einkaufsabteilungen, die heute standardmäßig Bestell- und Tracking-Systeme erwarten.
Für mittelständische Familienbetriebe bedeutet diese Entwicklung: Entweder man investiert massiv in digitale Infrastruktur – oder man positioniert sich bewusst als Nischen- und Serviceanbieter, der durch persönliche Beratung, Sonderzuschnitte und Lagerhaltung von Spezialsortimenten punktet. Letzteres Modell funktioniert besonders im Objektgeschäft und bei Handwerkskunden, die Wert auf schnelle Verfügbarkeit und individuelle Lösungen legen.
Erfolgsfaktoren für neun Jahrzehnte Kontinuität
Welche Faktoren lassen sich aus neun Dekaden Firmengeschichte ableiten, die auch für andere mittelständische Holzhändler und Verarbeiter relevant sein könnten?
Erstens: Geografische Lage. Der Standort Hamburg bietet bis heute logistische Vorteile – Hafennähe, gute Verkehrsanbindung ins norddeutsche Umland und Nähe zu skandinavischen Lieferanten. Diese strukturellen Faktoren haben Henri Benthack vermutlich geholfen, Kostenvorteile gegenüber binnenländischen Wettbewerbern zu realisieren.
Zweitens: Familienführung und lange Horizonte. Familienunternehmen können langfristiger planen als börsennotierte Konzerne oder Private-Equity-getriebene Handelsgruppen. Das ermöglicht Investitionen in Lagerkapazitäten, Kundenbindung und Spezialsortimente, die sich erst über Jahre amortisieren.
Drittens: Flexibilität im Sortiment. Die Fähigkeit, sich zwischen Furnier, Massivholz, Plattenwerkstoffen und spezialisierten Bauprodukten zu bewegen, ist überlebenswichtig. Wer sich zu stark auf eine Materialkategorie festlegt, gerät bei Nachfrageverschiebungen oder Preisspitzen in Schwierigkeiten – wie die jüngsten Volatilitäten am Schnittholzmarkt gezeigt haben.
Ausblick: Wie geht es weiter mit Hamburger Holzhandels-Traditionen?
Das 90-jährige Jubiläum von Henri Benthack fällt in eine Phase, in der die Holzbranche erneut vor grundlegenden Umbrüchen steht: Der Holzbau im Klimawandel erlebt eine Renaissance, getrieben von CO₂-Bilanzen und gesetzlichen Vorgaben. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Holztrocknung, Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit – Themen, bei denen mittelständische Händler schnell an Kapazitätsgrenzen stoßen können.
Ob die nächsten Jahrzehnte ähnlich erfolgreich verlaufen, hängt davon ab, wie gut es gelingt, traditionelle Stärken – Kundennähe, Lagerhaltung, Sortimentstiefe – mit digitalen Prozessen zu verbinden. Das Beispiel Henri Benthack zeigt: Überleben in der Holzbranche ist kein Zufall, sondern das Ergebnis kontinuierlicher Anpassung an veränderte Marktbedingungen – ohne dabei die eigene Identität zu verlieren.