Der Holzverarbeitungskonzern Binderholz rückt sein Ausbildungsangebot stärker in den Fokus der Personalstrategie. In einer Branche, in der qualifizierte Fachkräfte – vom Zimmerer über den Holztechniker bis zum CNC-Programmierer – zur knappen Ressource geworden sind, signalisiert das Unternehmen mit Hauptsitz in Fügen (Tirol) verstärktes Engagement in der Nachwuchsausbildung. Die Karriere-Sektion des Konzerns hebt gezielt die Lehrlingsausbildung hervor, ein Schritt, der auch als Reaktion auf den strukturellen Mangel in der Holzbau- und Verarbeitungsbranche zu werten ist.
Fachkräftemangel trifft Holzbranche besonders hart
Die Holzwirtschaft steht unter doppeltem Druck: Während die Nachfrage nach Brettschichtholz (BSH), Brettsperrholz (CLT) und Massivholzprodukten im Holzbau weiter anzieht, fehlt es an ausgebildetem Personal für Produktion, Abbund und Montage. Gleichzeitig konkurriert die Branche mit anderen Wirtschaftszweigen um Schulabgänger. Binderholz begegnet diesem Engpass mit einer systematischen Lehrlingsausbildung, die verschiedene Berufssparten abdeckt – von klassischen Holzberufen über technische Ausbildungen bis hin zu kaufmännischen Lehrplätzen.
Unternehmen wie Pollmeier oder W. u. J. Derix verfolgen ähnliche Strategien, doch Binderholz hebt sich durch seine breite Aufstellung ab: Als integrierter Konzern, der vom Sägewerk über die Leimbinder-Produktion bis zur CLT-Fertigung alle Verarbeitungsstufen unter einem Dach vereint, benötigt das Unternehmen ein Spektrum an Qualifikationen, das weit über die Holzberufe im engeren Sinne hinausgeht.
Welche Ausbildungsberufe werden angeboten?
Binderholz bildet in mehreren Lehrberufen aus, die sowohl die klassische Holzverarbeitung als auch angrenzende Gewerke abdecken. Dazu zählen typischerweise Holztechniker, Zimmerer, Tischler sowie technische Zeichner und Betriebslogistiker. In den Produktionsstandorten des Konzerns – unter anderem in Fügen (Tirol), Jenbach (Tirol), St. Georgen ob Judenburg (Steiermark) und Unternberg (Salzburg) – werden Lehrlinge direkt an modernen CNC-Abbundanlagen, Keilzinkanlagen und CLT-Pressen eingesetzt. Das ermöglicht eine praxisnahe Ausbildung an Maschinen und Systemen, die auch bei Homag oder Mafell im industriellen Maßstab zum Einsatz kommen.
Ein besonderes Merkmal des Binderholz-Programms ist die Verbindung von handwerklicher Tradition und industrieller Fertigung: Lehrlinge lernen nicht nur den manuellen Umgang mit Holz, sondern auch die Programmierung und Wartung von Maschinen, die Holztrocknung in Kammersystemen sowie die Qualitätssicherung bei Festigkeitsklassen und Feuchtemessung. Diese Kombination bereitet die Auszubildenden auf den gesamten Wertschöpfungsprozess vor – von der Annahme des Rundholzes über die Schnittholzproduktion bis zur Weiterverarbeitung zu Konstruktionselementen.
Differenzierung im Wettbewerb um Talente
Was unterscheidet das Binderholz-Programm von Mitbewerbern? Zum einen die schiere Unternehmensgröße: Mit rund 5.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich zählt Binderholz zu den größten Holzverarbeitern Europas. Das bedeutet für Lehrlinge ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten, von der Produktion über die Bauleitung bis hin zu Forschung und Entwicklung. Zum anderen die internationale Ausrichtung: Binderholz liefert in über 30 Länder und unterhält Standorte in mehreren europäischen Staaten, was langfristige Karriereperspektiven eröffnet.
Im Vergleich zu kleineren Sägewerken oder spezialisierten Holzbaubetrieben bietet Binderholz eine strukturierte Ausbildungsorganisation mit eigenen Ausbildungsbeauftragten, internen Schulungszentren und klar definierten Karrierepfaden nach der Lehre. Diese Professionalisierung ist für mittelständische Betriebe, die oft nur ein bis zwei Lehrlinge pro Jahr ausbilden, schwer zu realisieren. Dennoch haben kleinere Unternehmen Vorteile: individuellere Betreuung, engere Bindung zum Meister und oft direkteren Zugang zu Projektverantwortung.
Strategische Bedeutung für die Holzbaubranche
Die verstärkte Kommunikation des Lehrlingsprogramms ist auch ein Signal nach innen: Binderholz positioniert sich als attraktiver Arbeitgeber in einer Region, in der Tourismus und Industrie um die gleichen Arbeitskräfte konkurrieren. Bereits in einem früheren Artikel hatte Holzbranche Aktuell über die Recruiting-Strategie von Binderholz berichtet, die gezielt Employer-Branding-Maßnahmen einsetzt, um Fachkräfte zu binden.
Für die Holzbaubranche insgesamt ist die Nachwuchsausbildung existenziell: Ohne qualifizierte Zimmerer, Abbundfachkräfte und Montageteams wird die Umsetzung ambitionierter Holzbauprojekte – etwa im Kommunalbau – nicht realisierbar sein. Binderholz verknüpft Ausbildung und Produktstrategie: Lehrlinge werden frühzeitig in Projekte eingebunden, etwa in die Vorfertigung von Wandelementen oder die Qualitätsprüfung von CLT-Platten nach europäischen Normen (EN 16351).
Perspektiven für Bewerber und Betriebe
Für Schulabgänger, die eine Lehre in der Holzbranche in Betracht ziehen, bietet Binderholz einen guten Einstieg in eine Branche mit stabiler Nachfrage. Die technische Ausrichtung der Ausbildung – mit Schwerpunkt auf Digitalisierung, CNC-Technik und Automatisierung – schafft Qualifikationen, die über den klassischen Holzbau hinaus verwertbar sind. Gleichzeitig bleibt die handwerkliche Basis erhalten, was langfristig Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt ermöglicht.
Für kleinere Tischlereien und Holzbaubetriebe ist das Binderholz-Programm Ansporn und Herausforderung zugleich: Wer im Wettbewerb um Nachwuchs bestehen will, muss eigene Stärken ausspielen – etwa die Nähe zu individuellen Kundenprojekten, die Möglichkeit früher Verantwortung oder die Verbindung von Werkstatt und Baustelle. Erfolgsbeispiele wie die Schmid Baugruppe, die Fachkräfte durch Teamkultur und Projektbeteiligung bindet, zeigen, dass auch mittelständische Betriebe attraktive Arbeitgeber sein können.
Ob Binderholz konkrete Ausbildungszahlen oder Übernahmequoten veröffentlicht, bleibt bislang offen. Für eine fundierte Bewertung des Programms wären solche Kennzahlen hilfreich – ebenso wie ein Vergleich mit anderen Großbetrieben der Branche. Fest steht: In einer Phase, in der Holzbau als klimaschonende Alternative zu Beton und Stahl an Bedeutung gewinnt, wird die Verfügbarkeit von Fachkräften zur entscheidenden Stellschraube für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.